Ein Extra

Weil heute irgendwie Gedichtetag ist, gibt es eines extra. Nur wegen schön.

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht

Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung

Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried in „Es ist was es ist – Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte“

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Dass der Unrast ein Herz schlägt …

Tag 29 der Buchchallenge und ich bin schon die zweite mit Celan. Myriade war schneller.

Sonja von Wildgans Weblog erwähnte irgendwann dieses Gedicht, ohne es ganz zu zitieren. Ich finde es so schön, dass ich das hier jetzt tue. Der Titel hat im Übrigen keinen aktuellen Bezug.

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster,
sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.


Paul Celan

Zitiert aus dem 1952 veröffentlichten Gedichtband Mohn und Gedächtnis – Paul Celan zum 100. Geburtstag bzw. 50. Todestag in diesem Jahr.

Celan Gedichte zu interpretieren fand ich immer schon extrem schwierig. Es verlangt zumindest eine Menge Kenntnis seines Lebens und seiner Denkweise. Ich mag einfach die Melodie der Wörter und die oft so ungewöhnliche Verwendung und unerklärlichen Bezüge.

Sicherlich sind Teile dieses Gedichtes eine Liebeserklärung an Ingeborg Bachmann. In seinem Brief vom 20. Juni 1949 schreibt Celan an Ingeborg, er möchte, „daß niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebensoviel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße auf deinen Geburtstagstisch stelle“.

„Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt, dass der Unrast ein Herz schlägt“ ist für mich ein Lied, das meiner Sehnsucht gerade gut entspricht.

Umberto Ecos Antibibliothek

Der Autor Nassim Nicholas Taleb setzt sich in seinem Buch „Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ u.a. mit der ungewöhnlichen Einstellung Umberto Ecos zu Büchern auseinander und bezeichnet sie als eine Parabel für eine sinnvolle Beziehung zu Wissen.

The writer Umberto Eco belongs to that small class of scholars who are encyclopedic, insightful, and nondull. He is the owner of a large personal library (containing thirty thousand books), and separates visitors into two categories: those who react with “Wow! Signore professore dottore Eco, what a library you have! How many of these books have you read?” and the others — a very small minority — who get the point that a private library is not an ego-boosting appendage but a research tool. Read books are far less valuable than unread ones. The library should contain as much of what you do not know as your financial means, mortgage rates, and the currently tight real-estate market allows you to put there. You will accumulate more knowledge and more books as you grow older, and the growing number of unread books on the shelves will look at you menacingly. Indeed, the more you know, the larger the rows of unread books. Let us call this collection of unread books an antilibrary.

Der Schriftsteller Umberto Eco gehört zu jener kleinen Klasse von Gelehrten, die enzyklopädisch,einsichtsvoll und unlangweilig sind. Er ist Besitzer einer großen persönlichen Bibliothek (mit dreißigtausend Büchern) und teilt die Besucher in zwei Kategorien ein: diejenigen, die mit „Wow! Signore professore dottore Eco, was für eine Bibliothek Sie haben! Wie viele dieser Bücher haben Sie gelesen?“ und die anderen – eine sehr kleine Minderheit -, die begreifen, dass eine Privatbibliothek kein Ego stärkendes Beiwerk, sondern ein Forschungsinstrument ist. Gelesene Bücher sind weit weniger wertvoll als ungelesene. Die Bibliothek sollte so viel von dem enthalten, was Sie nicht wissen, wie Ihre finanziellen Mittel, Hypothekenzinsen und der gegenwärtig angespannte Immobilienmarkt Ihnen erlauben, dort zu investieren. Wenn Sie älter werden, werden Sie mehr Wissen und mehr Bücher ansammeln, und die wachsende Zahl ungelesener Bücher in den Regalen wird Sie bedrohlich anschauen. In der Tat, je mehr Sie wissen, desto größer werden die Reihen ungelesener Bücher. Nennen wir diese Sammlung ungelesener Bücher eine Antibibliothek.

Taleb glaubt, wir überschätzen unser Wissen, betrachten es als wertvolles Eigentum, etwas, dass uns weiter bringt und unterschätzen bei weiten das, was wir nicht wissen, und das uns dann völlig überraschend überfällt.

Und statt daraus zu lernen, werden wir verzweifelt versuchen, alle unerklärbaren Vorfälle mit Bekanntem zu erklären, mit dem, was wir schon wissen.

Diese Einstellung hindert uns letzten Endes am Lernen.

An diesen spannenden Gedanken gefällt mir persönlich am besten die Vorstellung inmitten von Wissen zu sitzen, ohne den Anspruch, mir dieses Wissen aneignen zu müssen, da es sowieso nicht möglich ist, alles zu wissen. Und schon fallen bei mir Blockaden. Jetzt ist es mir erlaubt, das Wissen aufzunehmen, was mir gerade am wertvollsten erscheint, irgendein Wissen. Aus allem zu lernen, was mir begegnet, in meinem Tempo, in meiner Menge, auf meine Art. Sozusagen völlig ungezwungen.

Es ist eine Art Entschuldigung für Nichtwissen, allerdings niemals eine Entschuldigung für Desinteresse oder Nicht-Offenheit oder einen nicht vorhandenen Wissensdurst.

Ich werde also meine Antibibliothek weiter pflegen. Z.B. mit dem oben erwähnten Buch, das ich höchstens quer gelesen habe und in dem ich nur durch Zufall an der Geschichte mit Umberto Ecos Bibliothek hängen blieb.

Aus tausend Quellen quillt die Nacht …

Christiane vom „Irgendwas ist immer“ Blog (https://365tageasatzaday.wordpress.com/)  fand heute zum Thema „Meer und Liebe“ dieses Gedicht eines mir bis dahin unbekannten Schriftstellers: Guido Zernatto.

Seitdem geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe eine Pinwand für solche Gedichte/Zitate/ Sätze, die für mich schon beim ersten Hören oder Lesen mehr bedeuten als andere.

Ich weiß nicht, was es ist, das mich in den Zeilen berührt. Natürlich ist es in der Analyse eine Mischung aus Bedeutung, Sprache und persönlichem Bezug. Dennoch – manche Zeilen bringen sie in mir etwas zum Klingen, das nicht so leicht analysierbar ist.

Etwas, das mich trägt, mich sicher schweben lässt, wie ein feiner Rausch, ein unerwartetes Geschenk.

Viele davon habe ich in den Blogs bei euch anderen Spurensuchern gefunden. Spuren, die ich ohne euch vielleicht niemals gefunden hätte …

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Aus tausend Quellen quillt die Nacht
Und übernimmt den Himmel unsrer Träume.
Da ist ein Licht noch – dort noch Bäume,
Dann nichts mehr. Sintflut. Nur noch Nacht.

Aus Ozeanen ohne Licht erheben sich Gedanken,
Wie Meerestiere schwimmen unsre Träume
Mit schweren Flossen durch die Finsternis der Räume
Und kreisen um die Hoffnungsschiffe, die versanken.

Guido Zernatto (1903 – 1943), österr. Schriftsteller und Politiker

 

Mehr zu seinen Gedichten – von denen es mir allerdings kein anderes so angetan hat wie dieses – sowie seinen Abhandlungen zu Nation und Staat findet ihr im Projekt Gutenberg:  https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/zernatto.html

Er kommt doch!

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Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben.

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

 – Rainer Maria Rilke –

A thing about life

Gefunden auf diespringern – https://diespringerin.blog/author/diespringerin/

A thing about life …

Half FAce.jpgLast Tango In Paris, Into the Wild, Third Star, Dead Poets Society, Wild, Knocking on Heaven’s Door, Mr. Robot, Into the Wild, The Intouchables, The Theory of Everything, Vikings, Moonlight, Forrest Gump, Manhunt, At Eternity’s Gate, The Secret Life of Walter Mitty, Demolition, The Pursuit of Happyness, Scent of a Woman, Birdman.

I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.

Walden, Henry David Thoreau

Kleine Hommage an das Ringelnatzsche Reh

Copyright: Rimshot. Statue aus dem Nerotalpark Wiesbaden. Michael von Brentano

Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.

Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei.
Und da träumte noch immer das Tier.

Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
gegen den Wind an den Baum,
und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.

Und da war es aus Gips.

Ringelnatz

Netter Versuch – von Handschrift bis Handlettering

Wir haben alle in der Schule mit der Hand schreiben gelernt. Und so wenig wir es heute nutzen, versetzt mich die Vorstellung, mich ohne Tastatur nicht mehr schriftlich verständigen zu können, irgend wie in Panik. Habt ihr euch das schon einmal vorgestellt?

Ganz schön schwer! Ein netter Selbstversuch zum Mitmachen.

Wer Kinder um sich hat, weiß, dass man heute in der Schule mit den Druckbuchstaben beginnt und daraus die „verbundene Schreibschrift“ entwickelt. Früher war das umgekehrt.

Die heute gelehrte Lateinische Ausgangsschrift ist eine verbundene Schrift, was heißt, dass fast alle Buchstaben miteinander verbunden werden. Gar keine leichte Aufgabe. 

Wer kann das noch? Mal versuchen …

LAteinische.jpg

Und? Wie ging es?
So weit so gut. Als Hilfestellung hier mal ein Alphabet.

LateinAusgangs

Wikipedia/Wikimedia Commons

Braucht man das?

Heute wird zum Teil sehr heftig diskutiert, ob eine Schreibschrift überhaupt noch gelehrt werden sollte. Statt dessen eine Druckbuchstabenschrift mit kleinen Häkchen: die Grundschrift.Erwachsenenschrift.jpgFakt ist, dass praktisch alle Menschen als eigene Handschrift eine Mixtur aus verbundenen und nicht verbundenen Buchstaben verwenden und sowohl Buchstaben, die näher an der Druckschrift sind als auch Buchstaben aus der Schreibschrift.

Leichter lernen

Wichtig ist, dass beim Schreiben ein „Fluss“ entsteht, der es zulässt, sich komplett auf die Semantik des Geschrieben und nicht auf das Schreiben selbst zu konzentrieren.

Neurowissenschaftliche Studien aus Hochschulen zeigen, dass das Handschreiben die Merkfähigkeit, das inhaltliche Verständnis und die Kreativität fördert.Handstift

So begünstigt das handschriftliche Mitschreiben in Schule und Uni definitiv den Lernerfolg.

 

Unsere Handschrift – unser Charakter?

Sagt unsere Schrift etwas über uns aus? Graphologie ist ein nettes Gesellschaftsspiel und wurde lange sogar von Unternehmen bei der Bewerberauswahl und bei der Polizei zum Profiling eingesetzt.

Die Graphologie geht davon aus, dass die charakteristische Art einer Person zu schreiben etwas über seine Persönlichkeit aussagt.  Dazu werden Merkmale wie Größe, Druck, Richtungen, Neigungen, Verbindungen usw. herangezogen. Um es einfach zu sagen, werden bestimmten Merkmalen bestimmte Eigenschaften zugeordnet. Dazu gibt es Spezialisten, „Graphologen“, und natürlich heute Computerprogramme.

Unumstritten ist das Ganze keineswegs. Wissenschaftlich kann ein Zusammenhang zwischen Schrift und Charakter nicht nachgewiesen werden. Legt man allerdings zusätzlich zur Schriftanalyse einen Lebenslauf und ein oder mehrere persönliche Gespräche zugrunde, so mögen manche Aussagen aus der Schriftbeurteilung erhellend sein.

Wer Freude daran hat, findet auch zu diesem Thema im Internet reiche Beute. „Handschriftendeutung für Anfänger“ heruntergeladen und schon schon ist beim Familienabend der schönste Streit unterm Weihnachtsbaum garantiert.

Ein Abstecher: Handlettering

Wenn wir denn nun schon so weit gekommen sind, schauen wir doch einmal, was wir aus unserer Handschrift machen können, ohne perfekt zu sein.

Handlettering ist der Oberbegriff für das künstlerische Gestalten von Buchstaben. Das kann man mit Anfangsbuchstaben, ganzen Wörtern, Zitaten, guten Wünschen oder auch Ordner-und Kartonbeschriftungen, Marmeladengläsern, Tafeln, Postern uvm. machen. Es geht mit allen Schreibwerkzeugen und auf fast allen Materialien.

Im Gegensatz zur angestrebten Perfektion in der Kalligrafie ist beim Handlettering allesNice.jpg erlaubt. Bis allerdings aus Kritzeleien nun kleine kreative Kunstwerke entstehen braucht es eine Weile. Auch hier macht Übung den Meister, es sei denn, man findet bei sich ein ausgeprägtes Talent.

Man kann als Basis eine Schreibschrift wählen oder auch einfach die ganz eigene Handschrift nehmen und sie aufpeppen. Mit einer gehörtmir.jpgKombination aus Schreibschrift und Druckbuchstaben. Mit durcheinandergewirbelter Groß- und Kleinschreibung. Man schreibt bewusst und übertrieben enger oder weiter. Und verziert das Ganze mit grafischen Elementen: Linien, Punkten, Schnörkeln, Umrahmungen.

Wer Spaß daran hat, findet leicht Hunderte von Websites zu dem Thema.

Kalligrafie

Die Kalligrafie nimmt es nun ernster mit der Schönschrift. Sie entstand beim Abschreiben sakraler Texte, damals die einzige Möglichkeit der Vervielfältigung.

Das diese sehr mühsame Arbeit langwierig war, Geduld erforderte und den Gedanken Raum zum Wandern gab, wird Kalligrafie oft als meditativer Akt gesehen. Kalli.jpg

In der chinesischen und japanischen Schriftkultur geht es bei der Kalligrafie vor allem darum, Emotionen über die Schrift zum Ausdruck zu bringen. Dabei schlägt Ästhethik die Lesbarkeit.

 

 

Mit der Seele schreiben

Das Schlusswort zu diesem Artikel gehört definitiv Heike vom diamantwörter.blog. Sie gehört zu den wahrscheinlich wenigen, die seit langen Jahren regelmäßig mit der Hand schreiben.

„Meine Seele liebt die Geschwindigkeit der Schrift“, schreibt sie mir. Wie wundervoll. Eine Schrift, die so schnell über das Papier fliegt wie die Gedanken und Gefühle fließen. Etwas, um davon zu träumen.

Und sie zeigt, dass diese Verbindung zwischen Kopf und Hand, und Herz und Hand etwas ist, das wahrnehmbare Kreativität und und anfassbare Werke schafft. Mit chinesischer Tusche und Pinsel  bringt sie Emotionen aufs Papier.

Hab keine Angst_Kalligraphie_2019.jpg

„Mit der Hand zu schreiben, ist mit der Seele schreiben …“

Lohnt es sich nicht, wieder damit zu beginnen?

Noch einmal zurück ans Meer

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen nur Meer
Nur Meer.

Erich Fried

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Herbstleben

Wildgans postete heute Georg Trakls „Winkel am Wald“. Wundervolle Worte. Auch ein Herbstgedicht, das Jahreszeit wie Lebenszeit betrachtet.

Mein Klang des Herbstes ist Rilkes „Herbsttag“.

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

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Morgenwald

Als ein vorwitziger Sonnenstrahl mir direkt auf die Nasenspitze fällt und ich vorsichtig ein Auge öffne erblicke ich durch mein Dachfenster einen strahlend blauen Himmel.

Es ist kalt, als ich mich aus der Decke rolle. Und die Luft draußen total klar. Genau richtig für eine große Waldrunde mit den Hunden. Stiefel an, Kamera umgehängt.

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Ich blicke in das Blätterdach und höre die Hunde leise durch das bereits fallende Laub rascheln. Gestern gab es ein paar Tropfen Regen und das Erdreich riecht wundervoll.

Das frühe Herbstlicht ist ein Zauberer. Sonnenstrahlen weisen den Weg zu immer neuen Entdeckungen.

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Eine Passage aus Mary Olivers Gedicht über einen Waldspaziergang und warum sie am liebsten alleine in den Wald geht, fällt mir ein. Den Titel habe ich vergessen.

I don’t really want to be witnessed talking to the catbirds
or hugging the old black oak tree.
I have my way of praying,
as you no doubt have yours.

Ich möchte nicht wirklich dabei beobachtet werden,
wenn ich mit den Spottdrosseln spreche
oder die alte Schwarze Eiche umarme.
Es ist meine Art zu beten,
so wie ihr eure Art haben werdet.

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In den Wäldern, den tiefen Wäldern wohnt noch die Magie. An manchen Orten flüstert sie zwischen den Stämmen , huscht durch die Farnwedel, blinkt durch die Blätter. Dann wird es ganz still. Die Elstern verstummen und der Wind hält inne. Etwas berührt dich sacht und hebt dich empor zu den Wipfeln für einen Moment.

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Morgenwald.

 

To let it go …

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Look, the trees
are turning
their own bodies
into pillars of light,

are giving off the rich
fragrance of cinnamon
and fulfillment,

Spiegelung_See_Baum_Ente.jpg

the long tapers
of cattails are bursting and floating away
over 
the blue shoulders of the ponds,
and every pond,
no matter what its
name is, is nameless now.

Every year
everything
I have ever learned
in my lifetime
leads back to this:
the fires
and the black river of loss
whose other side is salvation,
whose meaning
none of us will ever know.

 

To live in this world
you must be able
to do three things:
to love what is mortal;
to hold it against your bones knowing
your own life depends on it;

and, when the time comes to let it go,
to let it go.

“In Blackwater Woods” by Mary Oliver

 

 

When I’m among the Trees …

dav

Zwischen Bäumen

… „es ist so einfach“, rufen sie
“ und auch du bist in diese Welt gekommen, um dies zu tun,
leicht zu sein, erfüllt vom Licht und zu glänzen. 


oznor

When I am among the trees,
especially the willows and the honey locust,
equally the beech, the oaks and the pines,
they give off such hints of gladness.
I would almost say that they save me, and daily.

I am so distant from the hope of myself,
in which I have goodness, and discernment,
and never hurry through the world
but walk slowly, and bow often.

Around me the trees stir in their leaves
and call out, “Stay awhile.”
The light flows from their branches.

And they call again, “It’s simple,” they say,
“and you too have come
into the world to do this, to go easy, to be filled
with light, and to shine.”

Mary Oliver