Großmutters Rezepte

Im letzten Beitrag zur Handschriftenserie würdigen wir Großmutters Plätzchenrezepte. Irgendwo in einem alten Kochbuch habt ihr sicher auch noch einige. Und jetzt wissen wir: können wir sie problemlos lesen, dürften sie aus der Zeit nach 1940 stammen. Müssen wir an den Zutaten ein wenig herumraten, weil sie in Sütterlin niedergeschrieben wurden, ist das Rezept wahrscheinlich noch älter.

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Der Weihnachtsbrief der in diesem Kochbuch oben steckt, stammt vom 23. Dezember 1915. Und so genau weiß ich nicht, was das Christkind hier empfiehlt. Zumindest müssen Butter, Eier, Mehl, Zucker und Mandeln hinein.

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Einen friedlichen 2. Advent. Vielleicht duftet es heute ja auch in eurer Küche nach Plätzchen.

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Netter Versuch – von Handschrift bis Handlettering

Wir haben alle in der Schule mit der Hand schreiben gelernt. Und so wenig wir es heute nutzen, versetzt mich die Vorstellung, mich ohne Tastatur nicht mehr schriftlich verständigen zu können, irgend wie in Panik. Habt ihr euch das schon einmal vorgestellt?

Ganz schön schwer! Ein netter Selbstversuch zum Mitmachen.

Wer Kinder um sich hat, weiß, dass man heute in der Schule mit den Druckbuchstaben beginnt und daraus die „verbundene Schreibschrift“ entwickelt. Früher war das umgekehrt.

Die heute gelehrte Lateinische Ausgangsschrift ist eine verbundene Schrift, was heißt, dass fast alle Buchstaben miteinander verbunden werden. Gar keine leichte Aufgabe. 

Wer kann das noch? Mal versuchen …

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Und? Wie ging es?
So weit so gut. Als Hilfestellung hier mal ein Alphabet.

LateinAusgangs

Wikipedia/Wikimedia Commons

Braucht man das?

Heute wird zum Teil sehr heftig diskutiert, ob eine Schreibschrift überhaupt noch gelehrt werden sollte. Statt dessen eine Druckbuchstabenschrift mit kleinen Häkchen: die Grundschrift.Erwachsenenschrift.jpgFakt ist, dass praktisch alle Menschen als eigene Handschrift eine Mixtur aus verbundenen und nicht verbundenen Buchstaben verwenden und sowohl Buchstaben, die näher an der Druckschrift sind als auch Buchstaben aus der Schreibschrift.

Leichter lernen

Wichtig ist, dass beim Schreiben ein „Fluss“ entsteht, der es zulässt, sich komplett auf die Semantik des Geschrieben und nicht auf das Schreiben selbst zu konzentrieren.

Neurowissenschaftliche Studien aus Hochschulen zeigen, dass das Handschreiben die Merkfähigkeit, das inhaltliche Verständnis und die Kreativität fördert.Handstift

So begünstigt das handschriftliche Mitschreiben in Schule und Uni definitiv den Lernerfolg.

 

Unsere Handschrift – unser Charakter?

Sagt unsere Schrift etwas über uns aus? Graphologie ist ein nettes Gesellschaftsspiel und wurde lange sogar von Unternehmen bei der Bewerberauswahl und bei der Polizei zum Profiling eingesetzt.

Die Graphologie geht davon aus, dass die charakteristische Art einer Person zu schreiben etwas über seine Persönlichkeit aussagt.  Dazu werden Merkmale wie Größe, Druck, Richtungen, Neigungen, Verbindungen usw. herangezogen. Um es einfach zu sagen, werden bestimmten Merkmalen bestimmte Eigenschaften zugeordnet. Dazu gibt es Spezialisten, „Graphologen“, und natürlich heute Computerprogramme.

Unumstritten ist das Ganze keineswegs. Wissenschaftlich kann ein Zusammenhang zwischen Schrift und Charakter nicht nachgewiesen werden. Legt man allerdings zusätzlich zur Schriftanalyse einen Lebenslauf und ein oder mehrere persönliche Gespräche zugrunde, so mögen manche Aussagen aus der Schriftbeurteilung erhellend sein.

Wer Freude daran hat, findet auch zu diesem Thema im Internet reiche Beute. „Handschriftendeutung für Anfänger“ heruntergeladen und schon schon ist beim Familienabend der schönste Streit unterm Weihnachtsbaum garantiert.

Ein Abstecher: Handlettering

Wenn wir denn nun schon so weit gekommen sind, schauen wir doch einmal, was wir aus unserer Handschrift machen können, ohne perfekt zu sein.

Handlettering ist der Oberbegriff für das künstlerische Gestalten von Buchstaben. Das kann man mit Anfangsbuchstaben, ganzen Wörtern, Zitaten, guten Wünschen oder auch Ordner-und Kartonbeschriftungen, Marmeladengläsern, Tafeln, Postern uvm. machen. Es geht mit allen Schreibwerkzeugen und auf fast allen Materialien.

Im Gegensatz zur angestrebten Perfektion in der Kalligrafie ist beim Handlettering allesNice.jpg erlaubt. Bis allerdings aus Kritzeleien nun kleine kreative Kunstwerke entstehen braucht es eine Weile. Auch hier macht Übung den Meister, es sei denn, man findet bei sich ein ausgeprägtes Talent.

Man kann als Basis eine Schreibschrift wählen oder auch einfach die ganz eigene Handschrift nehmen und sie aufpeppen. Mit einer gehörtmir.jpgKombination aus Schreibschrift und Druckbuchstaben. Mit durcheinandergewirbelter Groß- und Kleinschreibung. Man schreibt bewusst und übertrieben enger oder weiter. Und verziert das Ganze mit grafischen Elementen: Linien, Punkten, Schnörkeln, Umrahmungen.

Wer Spaß daran hat, findet leicht Hunderte von Websites zu dem Thema.

Kalligrafie

Die Kalligrafie nimmt es nun ernster mit der Schönschrift. Sie entstand beim Abschreiben sakraler Texte, damals die einzige Möglichkeit der Vervielfältigung.

Das diese sehr mühsame Arbeit langwierig war, Geduld erforderte und den Gedanken Raum zum Wandern gab, wird Kalligrafie oft als meditativer Akt gesehen. Kalli.jpg

In der chinesischen und japanischen Schriftkultur geht es bei der Kalligrafie vor allem darum, Emotionen über die Schrift zum Ausdruck zu bringen. Dabei schlägt Ästhethik die Lesbarkeit.

 

 

Mit der Seele schreiben

Das Schlusswort zu diesem Artikel gehört definitiv Heike vom diamantwörter.blog. Sie gehört zu den wahrscheinlich wenigen, die seit langen Jahren regelmäßig mit der Hand schreiben.

„Meine Seele liebt die Geschwindigkeit der Schrift“, schreibt sie mir. Wie wundervoll. Eine Schrift, die so schnell über das Papier fliegt wie die Gedanken und Gefühle fließen. Etwas, um davon zu träumen.

Und sie zeigt, dass diese Verbindung zwischen Kopf und Hand, und Herz und Hand etwas ist, das wahrnehmbare Kreativität und und anfassbare Werke schafft. Mit chinesischer Tusche und Pinsel  bringt sie Emotionen aufs Papier.

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„Mit der Hand zu schreiben, ist mit der Seele schreiben …“

Lohnt es sich nicht, wieder damit zu beginnen?

Karl, Transkribus, die Butter und die Schlacht an der Somme

Wo fange ich diese Geschichte nur an?

Vielleicht mit dem Original, das mich zu dieser Geschichte geführt hat. Irgendwo, irgendwann, ziemlich sicher auf einem Flohmarkt, fielen mir diese Briefe von Karl an seine Mutter in die Hand. Datum: April und November 1916.

CV4A.jpgEntziffern konnte ich sie nicht. Obwohl ich inzwischen ganz gut in der Lage bin Kurrentschrift in ganzen Wörtern zu erkennen (das liegt an der Ganzheitsmethode, mit der ich Lesen lernte. Willkommen im Club, wer sich daran erinnert) und mit Hilfe einer Alphabet-Tabelle zu transkribieren, kam ich bei Karl kein Stück weiter. Mal wieder die berühmte „Sauklaue“.

Wer war Karl?
Es juckte mich aber in den Fingern. Wer war Karl? Er schrieb auf Deutsch auf den abgelaufenen Rechnungsformularen einer „mechanischen“ Stickerei in Beaurevoir, Aisne, Frankreich. Und das im November 1916!

Im November endete die Schlacht an der Somme. Die Schlacht begann im Juli 1916: eine Offensive von britischen und französischen Truppen gegen deutsche Stellungen. Sie endete im November 1916 mit über einer Million getöteten, verwundeten und vermissten Soldaten. Und war damit die verlustreichste Schlacht der Westfront während des Ersten Weltkriegs. Das alles fand nicht mehr als 50 km entfernt von Beaurevoir statt, dem Sitz der Stickerei.

In der Mitte vom Nichts
Nun wird in Karls Briefen immer wieder ein Ort namens „Batelt“ erwähnt. Ca. zwei Stunden Recherche später identifizierte ich das als Le Catele im Departement Aisne. Nicht weit weg von dem Schauplätzen der Somme Schlacht. Einwohner damals wie heute unter 200 Seelen. Mit einem Fort aus dem Jahr 1520. Das folgende Bild zeigt deutsche Krankenwagen im September 1918 vor dem Fort in Le Catele.

Le CAtelet.jpgBildquelle Australian War Museum: La Catele

War Karl ein deutscher Soldat? Grübeln über seine Handschrift führte nur zu Kopfschmerzen.

Und Transkribus?
Und dann entdeckte ich Transkribus. Transkribus ist ein europäisches Projekt, das sich um die automatische Erkennung und Transskribierung von Handschriften kümmert: für Wissenschaftler, Studenten, Historiker und alle, die mit historischen, handgeschriebenen Dokumenten zu tun haben.

Die Testversion dieser Software steht zum Download zur Verfügung, ist nicht ganz einfach in der Handhabung, funktioniert aber sehr gut. Und hat ein Programm für Kurrentschrift!

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Mit Karls Handschrift hatte allerdings auch das Programm seine Mühe. Dennoch hatte ich noch 6 Seiten Scans von 3 Briefen eine Vorstellung, um was es in Karls Briefen ging. Und zwar ausschließlich. Um Essen.

Hunger
Da geht es um neue Verordnungen. Um Bauern und Kühe. Um Äpfel und Honig. Um Butter und Eier. Um Lebensmittelkarten. Immer wieder. Und um Zeitungsmeldungen zu diesem Thema. Und wie die Leute mit der neuen Situation zum Thema Lebensmittelbeschaffung umgehen. Und ob er Essen schicken kann. Oder Geld dafür. Was er alles nicht mehr auftreiben kann. Und wie es schlimmer wird.

Kein Wort über Schlachtengetümmel oder Soldaten. Nur über Essen. Hier ist der Hunger viel näher und bedrohlicher als der Tod durch die Schlacht. Wir sind mitten im sogenannten „Kohlrübenwinter“, der auf den „Schweinemord“ folgte. Da man schon 1915 die zur Schweinemast benötigten Kartoffel- und Getreidebestände dringend zur Versorgung der Bevölkerung einsetzen musste, wurde die Schlachtung von fünf Millionen Schweinen angeordnet. Dann – ein paar Monate später – gingen auch die Kartoffeln aus. Im Winter 1916/17 standen nur noch Rüben standen auf den Lebensmittelkarten.

Rübenkarte.jpgStadt Erfurt/Wikimedia

Schriften und ihre Geschichte.
Verlassen wir Karl. Dies ist ein Artikel in der Miniserie über Handschriften. An Karls Briefen fällt auch auf, dass das französische Rechnungsformular für das Jahrzehnt 190.. als Schreibschrift die lateinische Schrift verwendet. Die wurde seit dem 16. Jahrhundert in Europa weitgehend eingesetzt. Deutschland setzte dagegen auf die Deutsche Kanzlei- und Kurrentschrift als Schreibschrift. Zu deren Entwicklung lässt sich noch eine Menge sagen. Beim nächsten Mal.

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Heute habe ich einem Unbekannten namens Karl ein winziges Denkmal gesetzt. Einem Soldaten. Einem Sohn. Einem, der Hunger hatte. In irgendeiner Kiste auf einem Flohmarkt fand ich seine Briefe. Die seine Mutter aufbewahrt hatte. Und dann vielleicht eines ihrer Kinder. Das diesen Krieg überlebte. Und den nächsten. Und dann waren es vielleicht Karls Enkel. Irgendwann gingen diese Briefe verloren. Karl hätte mein Großvater sein können.

Diese Spurensuche war eine seltsam berührende und am Ende zutiefst befriedigende Erfahrung. Es war, als hätte man eines der tausend und abertausend losen Enden der Geschichte eingefangen, für einen Moment in Händen gehalten und es dann an seinen Platz gesetzt im Gewebe der Zeit und im Chaos der Universums. Und jetzt ist es gut.

 

 

 

 

 

 

 

Handschriftlich – eine Miniserie

Jede Handschrift ist unverwechselbar, fast wie ein Fingerabdruck.

Nur wo findet man heute noch Handschrift? Manchmal finde ich im Korb des Supermarktes einen zurückgelassenen Einkaufszettel. Manchmal schreibe ich Rezepte mit der Hand vom Bildschirm ab und trage sie in die Küche. So kann ich einen langen Rezeptschwelgtext auf das reduzieren, was ich benötige.

Dieses hier wird eine Winter-Mini-Serie über Handschrift. 

Mich faszinieren vor allem alte Handschriften. Meine Mutter schrieb manchmal in Gedanken etwas in Sütterlin auf, was für mich nicht entzifferbar war. Sie hatte in Ihrer Schulzeit zwei verschiedene Handschriften erlernt.

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Das Tagebuch meines Großvaters haben wir verschiedenen Leuten vorgelegt, um es zu entziffern. Fazit war: das war keine uns unbekannte Schrift, sondern die gute alte „Sauklaue“.  Bilder folgen.

Meine Handschrift ist im Sinne des Wortes verkommen. Völlig ungenutzt wird sie immer unleserlicher – auch für mich. Ich verwende für den gleichen Buchstaben oft zwei verschiedene Schreibweisen in einem Text.

Ich will mich üben. Das gehört mit zu diesem Projekt. Ich habe mir ein Notizbuch gekauft – mit Linien. Ohne die fühle ich mich völlig haltlos und gleite ab. Immer noch vorwärts, aber deutlich abwärts, sprich: nach rechts unten. Heute habe ich angefangen.

Und schon geht es los: Das hätte ich aber besser sagen können! Nein, hier mit „und“ beginnen, wäre schöner. Ah falsch, so wäre es genauer …

Aber da steht es nun. Neue Seite also. Von vorne.

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Wie haben es die Leute hinbekommen, aus der Hand seitenlange Briefe fehlerfrei zu schreiben und ihre Gedanken auf Anhieb „spruchreif“ zu Papier zu bringen?

Weil sie mussten. Die einzige Art der Kommunikation in die Ferne für lange Zeit.

Sorgsamkeit und Achtsamkeit waren gefragt. Vorsicht mit der Tinte, Gedanken sammeln, Tonfall finden, durchformulieren, sauber zu Papier bringen …

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Hier ein Weihnachtsbrief eines Hamburger Vaters an seine fernen Kinder von 1910. Geschrieben in der damals übliche Kurrentschrift als deren Variante später die Sütterlinschrift entstand.

 

Schreib mal wieder – Emotionen statt Emojis

Da gab es eine Zeit vor WhatsApp. Wer weiß das schon noch? Wie das war?

Voll von Emotionen für einen anderen vor einem Blatt Papier sitzen und um Worte ringen? Einen Reisebericht so zu Papier bringen, dass im Kopf des Lesenden Bilder entstehen…  Weil der nicht einfach die Destination googeln kann …

Und ganz ohne geklaute Gifs, Bildchen, Emojis. Und dann auch noch mit Tinte und Feder kämpfen statt mit Tasten und TippEx.

Breiffreundschaft

 

Erinnerungen

Was einmal geschrieben wurde, war da nicht so schnell vom Tisch.  Zu wissen, dass das Geschriebene vielleicht Bedeutung hat für eine lange Zeit, wieder und wieder gelesen wird. Gedeutet und umgedeutet.

Nie vergessen

Aufbewahrt und wertgeschätzt. Worte zum Anfassen. Das Zeugnis eines Menschen, der genau dir etwas sagen wollte. Worte zum halten, zum festhalten, sich daran festhalten.

Schönschrift3a

Wörter, die zu Worten werden. Erfahrungen, Weisheiten, Argumente um die Sache, mit spitzer Feder zu Papier gebraucht.  In ganzen Sätzen. Ganze Sätze! Ihr erinnert euch? Subjekt, Prädikat, Objekt? Mit Adjektiven, sorgsam ausgesucht , um zu beschreiben, was man wirklich meint. Unsere Sprache besitzt viele davon. Und Synonyme für sie.

Mit spitzer Feder

In einer Handschrift. So einzigartig wie der Mensch selbst. Sorgsam, lässig, die Regeln achten, den Abstand wahren oder einfach über den Rand schreiben? Jedem das Seine …

Ich habe mir für 2019 vorgenommen, einen Brief zu schreiben. Mit der Hand. Und mit Tinte (allerdings mit der Patronen Light Version). An jemanden, der mir etwas bedeutet, über ein Thema, das mir am Herzen liegt.

Oh Mann, ich glaube, ich brauche Linienpapier ….